„Gewalt gegen Frauen muss Konsequenzen haben in der Öffentlichkeit“

Der 14. Februar steht im Zeichen von „One Billion Rising“. Bettina Lutze-Luis Fernández, Organisatorin des Aktionstages in Berlin, spricht im Interview über die Bedeutung der Aktion und Möglichkeiten, sich aktiv gegen Gewalt an Frauen zu stellen.

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„One Billion Rising“ ist ein jährlicher Aktionstag gegen Gewalt an Frauen und Mädchen. In Berlin wird der Aktionstag am Brandenburger Tor seit 2013 von Bettina Lutze-Luis Fernández und dem Centre Talma organisiert, einem Mädchen- und Jungensportzentrum der Gesellschaft für Sport und Jugendsozialarbeit. Das Centre Talma wurde für sein „One Billion Rising“-Engagement 2017 mit dem Hatun-Sürücü-Preis „Aktiv für Demokratie und Toleranz“ und mit dem Sonderpreis „Hauptstadtpreis für Integration und Toleranz“ ausgezeichnet.

Im Interview spricht Bettina Lutze-Luis Fernández über die Bedeutung des Aktionstags für die Wahrnehmung von Gewalt in der Öffentlichkeit, über Tabus und Möglichkeiten, gegen Gewalt an Frauen aktiv zu werden.

Was motiviert Sie, sich persönlich gegen Gewalt an Frauen einzusetzen?

LLF: Gewalt an Mädchen und Frauen ist nicht hinnehmbar. Aber die Realität sieht anders aus: Jede dritte Frau wird einer UN-Studie zufolge im Lauf ihres Lebens Opfer von Gewalt. Ich bin seit 30 Jahren in der Jugendsozialarbeit tätig und Leiterin der Kinder- und Jugend-Freizeitstätte Centre Talma, einer Einrichtung der Gesellschaft für Sport und Jugendsozialarbeit Berlin. In meiner pädagogischen Arbeit werde ich immer wieder mit psychischen und physischen Grenzüberschreitungen und Gewalt an Mädchen und Frauen konfrontiert. Umso wichtiger ist es für mich, ihnen einen Raum zu bieten, in dem sie sich öffnen und von ihren Erlebnissen berichten können.

Das Centre Talma organisiert die Aktion „One Billion Rising“ bereits zum 8. Mal. Was hat sich im Laufe der Jahre verändert – in der öffentlichen Wahrnehmung des Themas und in der Beteiligung?

LLF: Leider ist Gewalt gegen Frauen nach wie vor ein Problem. Aber es hat sich auch viel getan. Bewegungen wie ‚Aufschrei‘ und #Metoo sind entstanden. Dadurch hat sich die öffentliche Wahrnehmung verändert und das Thema Gewalt gegen Frauen wird breiter diskutiert. Genau das ist ja auch das Anliegen von „One Billion Rising“: die gesamte Gesellschaft zu erreichen. Mädchen und Jungen, Männer und Frauen solidarisieren sich und fordern gemeinsam ein Ende der Gewalt.  Immer mehr Jungs und Männer setzen sich für das Thema ein und machen bei der Aktion mit. Das ist großartig und unglaublich wichtig.

Welche Möglichkeiten bietet ein Aktionstag wie „One Billion Rising“, um das Thema Gewalt gegen Frauen einem breiten Publikum zu vermitteln?

LLF: Tanz ist nonverbal: Weltweit können sich Menschen über das Tanzen solidarisieren und sich verständigen. „One Billion Rising“ steht aber auch ganz besonders für Empowerment: Frauen, die von Missbrauch betroffen sind oder waren, können öffentlich, aber im Schutz der Gemeinschaft auf die erlebte Gewalt aufmerksam machen, anstatt diesem schambesetzten Thema mit Hilflosigkeit zu begegnen. Und der Tanz kann dabei ein Mittel sein, das Erlebte aktiv zu verarbeiten. In unserer Arbeit mit gewaltbetroffenen Frauen im Centre Talma erleben wir immer wieder, wie wichtig es für diese Frauen ist, durch das Tanzen in ihren Körper zurückzukommen, den Körper wieder positiv zu besetzen.

Wird Gewalt gegen Frauen aus Ihrer Sicht noch zu stark tabuisiert?

LLF: Grundsätzlich passiert Gewalt gegen Frauen sehr oft hinter verschlossener Tür. Die Veranstaltung „One Billion Rising“ findet ganz bewusst am Valentinstag statt, um am Tag der Liebe darauf aufmerksam zu machen, dass Gewalt gegen Frauen oft gerade hinter verschlossener Tür in Beziehungen passiert. Und das ist ganz häufig mit einem großen Tabu belegt. In den vergangenen Jahren ist Gewalt gegen Frauen durch viele Kampagnen und Initiativen in der Öffentlichkeit präsenter geworden. Aber es muss mehr passieren. Die Dinge müssen beim Namen genannt und nicht als „Beziehungstaten“ bagatellisiert werden. Wichtig ist auch, anzuerkennen, dass Gewalt gegen Frauen alle Gesellschaftsschichten betrifft und nicht nur Randgruppen. Und dass es damit auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, dagegen aktiv zu werden.

Kennen Sie „Momente des Zögerns“ angesichts von häuslicher Gewalt oder Übergriffen in der Öffentlichkeit – und wie haben Sie diese überwinden können?

LLF: Das kennen wir alle. Auch in der Jugendarbeit ist das immer wieder ein Thema. Grundsätzlich steht immer der Schutz des Opfers im Vordergrund. Aber es geht auch darum, betroffenen Frauen Mut zu machen und ihnen zur Seite zu stehen, wenn sie gegen Täter vorgehen. In Schulen habe ich bei Projekttagen diese Situation im Rollenspiel mit den Schülerinnen und Schülern eingeübt. Sie lernen, den Moment zu erkennen, in dem eine Situation eskaliert und wann man sofort reagieren muss. Wichtig ist dann, instinktiv zu wissen, was man tun kann, um zu helfen.

Was sind Ihre Tipps für Menschen, die unsicher sind, wie sie handeln können? Wie können sie diese Barriere überwinden und bei Gewalt gegen Frauen einzuschreiten?

LLF: Mach nicht mit! Schau hin! Sprich es aus! Unterstütze Betroffene, ohne dich selbst in Gefahr zu bringen. Das kann man trainieren. In einer akuten Gefahrensituation ist es wichtig, Öffentlichkeit herzustellen und andere mit ins Boot zu holen. Professionelle Beraterinnen und Berater können Menschen unterstützen, die unsicher sind, wenn sie in ihrem Umfeld Gewalt gegen Frauen erleben oder vermuten. Sie geben Rat zu Möglichkeiten, aktiv zu werden und einzuschreiten. In der Jugendarbeit in den Schulen geht es auch darum,die Jungs mit ins Boot zu holen:  Was kannst du tun, wenn deine Schwester, deine Mutter oder deine Freundin angegriffen oder beleidigt wird?

Wo fängt Gewalt an, was sind die vermeintlich „kleinen“ Übergriffe, bei denen jeder bereits aufmerksam und aktiv werden sollte?

LLF: Gewalt begegnet uns in vielen Bereichen des täglichen Lebens – Mobbing gehört dazu, aber auch Beleidigungen und sexuelle Übergriffe im Internet. Es ist auch ein Übergriff, wenn Menschen die Intimsphäre einer anderen Person nicht wahren. Das kann ein bestimmtes Dominanzverhalten sein, wie Anstarren, taxieren, breitbeiniges Sitzen in der U-Bahn. Oft kommt es auch in der Öffentlichkeit zu Grenzüberschreitungen in der Kommunikation, wie Beleidigungen oder hinterherpfeifen. Wenn jemand belästigt wird, ist man ja oft unsicher – sind die zwei ein Paar, verwandt, Geschwister? Mische ich mich da jetzt in eine private Situation ein? Diese Barriere gilt es zu überwinden: Gewalt muss Konsequenzen haben in der Öffentlichkeit.

Wenn jemand im Bekanntenkreis oder in der Familie von Gewalt gegen Frauen betroffen ist –welche Schritte können Personen im Umfeld konkret einleiten, um zu helfen?

LLF: Wichtig ist, der betroffenen Person in jedem Fall Hilfe anzubieten. Ihr zu zeigen, dass man für sie da ist und sie unterstützt. Man kann Kontakt zu Hilfsangeboten herstellen und der Betroffenen auch auf diesem Weg begleitend zur Seite stehen. Denn allein ist es sehr schwierig, aus einer Beziehung oder einer Situation, in der man Gewalt ausgesetzt ist, herauszukommen.

 

Infos zu „One Billion Rising“:

Die Aktion „One Billion Rising“ wurde 2012 von der amerikanischen Künstlerin und Feministin Eve Ensler initiiert: Sie rief eine Milliarde (englisch: billion) Menschen auf, am 14. Februar öffentlich gegen Gewalt an Mädchen und Frauen zu protestieren. Hintergrund der Aktion ist eine UN-Statistik, der zufolge eine von drei Frauen in ihrem Leben vergewaltigt oder Opfer schwerer Körperverletzung werden.

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