Häusliche Gewalt: Wann muss ich die Polizei rufen?

Nachbarinnen und Nachbarn sowie das persönliche Umfeld sind wichtig, um häusliche Gewalt zu stoppen. Deshalb sollten sie nicht zögern, die Polizei zu rufen, wenn sie akute Gefahr vermuten.

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Handeln gegen Gewalt: Wie die Polizei bei häuslicher Gewalt vorgeht

Häusliche Gewalt ist weit verbreitet: Etwa jede vierte Frau erlebt mindestens einmal in ihrem Leben körperliche und/oder sexualisierte Gewalt durch aktuelle oder frühere Beziehungspartner- oder -partnerinnen. Zwei Drittel der von häuslicher Gewalt betroffenen Frauen haben schwere oder sehr schwere körperliche und/oder sexuelle Gewalt erlitten. Und auch Männer sind in Partnerschaften Gewalt ausgesetzt.

Oft sind Nachbarschaft und Umfeld unsicher, wie sie Betroffenen helfen können. Gerade, wenn es darum geht, die Polizei zu rufen, zögern viele. Werde ich ernst genommen? Ist das eine Privatsache – was kann die Polizei überhaupt tun? Mache ich es schlimmer, wenn die Polizei dann weg ist und die Tatperson zurück in die Wohnung kommt?

Nachbarinnen und Nachbarn, Freundinnen und Freunde oder auch Arbeitskolleginnen und -kollegen können Betroffene unterstützen. Zum Beispiel, indem sie das Gespräch suchen oder sich zu einem möglichen Vorgehen beraten lassen. Wichtig ist, auf Warnsignale – zum Beispiel zunehmender Lärm und Streit nebenan, verändertes Verhalten wie sozialer Rückzug oder äußere Merkmale von Gewalteinwirkung – zu achten und nicht zu zögern, in einer akuten Bedrohungssituation die Polizei zu rufen.

Wie Menschen aus dem Umfeld in unterschiedlichen Situationen handeln können und wie die Polizei bei häuslicher Gewalt hilft, zeigt die folgende Übersicht. Auch berichtet darin Renate Schwarz-Saage von der Stiftung Deutsches Forum für Kriminalprävention (DFK) aus ihrer langjährigen Erfahrung als Kriminalbeamtin und Beauftragte der Polizei für Kriminalitätsopfer beim Polizeipräsidium Mittelfranken und dem Bayerischen Landeskriminalamt.

„Gewalt ist niemals Privatsache – gleichgültig, ob sie im öffentlichen Raum oder in einer privaten Wohnung stattfindet.“

Renate Schwarz-Saage

Was kann ich tun, wenn ich Zeuge oder Zeugin häuslicher Gewalt werde oder annehme, dass ich Zeuge oder Zeugin häuslicher Gewalt bin? Wann sollte/muss ich die Polizei rufen?

Wer Zeugin oder Zeuge von häuslicher Gewalt wird, sollte unbedingt handeln. Am besten im Einverständnis mit der betroffenen Person, im Notfall aber auch ohne das Einverständnis beziehungsweise eine vorherige Absprache mit der betroffenen Person.

Renate Schwarz-Saage erläutert: „Wenn Sie der Meinung sind, dass eine Straftat vorliegt und polizeiliche Hilfe benötigt wird, rufen Sie die Polizei – ob über den Notruf 110 oder über die örtliche Polizeidienststelle. Ein solcher Anruf wird immer ernst genommen. Die Strafverfolgungsbehörden sind gesetzlich verpflichtet, dem Sachverhalt nachzugehen. Eine Straftat kann mündlich oder schriftlich angezeigt werden. Bei allen Polizeidienststellen, bei einer Staatsanwaltschaft oder einem Gericht. Wichtig ist, dass Sie sich nicht selbst in Gefahr bringen. Suchen Sie sich Unterstützerinnen und Unterstützer und holen Sie die Polizei, sobald das für Sie gefahrlos möglich ist. Hilfreich ist es, wenn Sie Angaben zu folgenden Fragen geben können:

  • Wer sind Sie und wo halten Sie sich gerade auf?
  • Durch wen und wodurch sind Sie oder andere Personen akut gefährdet?
  • Wer wurde wie und wodurch verletzt und wer hat dies ihrer Meinung nach verursacht?
  • Drohen weitere Gefahren?
  • Besitzt der Täter/die Täterin Waffen, ist er/sie alkoholisiert oder steht unter Drogeneinfluss?“

 

Wie kann ich die betroffene Person gegebenenfalls unterstützen, wenn die Gefahrensituation nicht akut ist?

Suchen Sie das Gespräch mit der betroffenen Person. Sie können auch auf Beratungsangebote in ihrer Nähe hinweisen und die betroffene Person zu einer Beratungsstelle begleiten. Oder Sie bieten an, sie zur Polizei, gegebenenfalls zu einer Ärztin oder einem Arzt, einer Rechtsanwältin oder einem Rechtsanwalt zu begleiten.

Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen" berät auch Personen, die Hilfe beim Einschreiten gegen Gewalt suchen.

 

Welche Handlungsmöglichkeiten hat die Polizei?

Bei akuten Gefährdungssituationen muss die Polizei einschreiten. Die Polizei hat verschiedene Möglichkeiten, um Gefahren abzuwehren und weitere Gewalttaten zu verhindern. Beispielsweise das Aussprechen eines Platzverweises, eines Kontakt- und Näherungsverbotes und einer Gefährderansprache.

Renate Schwarz-Saage: „Das Hinzuziehen der Polizei ändert das Verhalten der gewalttätigen Person. Sie weiß, dass sie nun bei der Polizei bekannt ist und, dass die Gefährlichkeit ihres Verhaltens bewertet wird. Die Polizei prüft, ob von der Tatperson eine Gefahr ausgeht. Dann kann zum Beispiel ein Verweis aus der gemeinsamen Wohnung erteilt werden. So wird der Gewaltkreislauf zunächst unterbrochen und die betroffene Person hat die Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen und Hilfe anzunehmen.“

Bei einer Platzverweisung nimmt die Polizei der Tatperson die Wohnungsschlüssel ab. Geht der Täter oder die Täterin nicht freiwillig, kann die Polizei sie oder ihn unter Anwendung von Zwangsmaßnahmen entfernen. Die Polizei kann dem Täter oder der Täterin über einen längeren Zeitraum verbieten, die Wohnung zu betreten, wenn Gefahr für weitere Übergriffe besteht. Außerdem kann dem Täter oder der Täterin untersagt werden, sich der betroffenen Person oder ihren Kindern zu nähern. Besteht ein Umgangsrecht des Täters oder der Täterin für ein gemeinsames Kind, wird das Jugendamt hinzugezogen. Droht eine Gefährdung des Kindeswohls, kann mit Hilfe des Jugendamtes oder eines Anwalts veranlasst werden, dass das Umgangsrecht nur eingeschränkt wahrgenommen oder ausgesetzt wird.

Die Polizei informiert die Betroffene über das weitere Vorgehen und über Hilfe- und Schutzmöglichkeiten wie Beratungsstellen und Frauenhäuser. Auch die Tatperson wird über das weitere Vorgehen der Polizei und mögliche Konsequenzen einer erneuten Gewalthandlung sowie gegebenenfalls über mögliche Hilfeangebote für Täterinnen und Täter informiert.

 

Welche Konsequenzen hat es, wenn ich die Polizei rufe – für die Betroffenen und für mich selbst?

Renate Schwarz-Saage: „Ihre an die Polizei weitergegebenen Informationen werden dokumentiert. Sie werden möglicherweise in diesem Zusammenhang auch von der Kriminalpolizei als Zeugin oder Zeuge vorgeladen. Das ist entscheidend, damit die Ermittlungen fortgesetzt werden können. Die Polizei fertigt bei Verdacht einer Straftat grundsätzlich eine Strafanzeige an und leitet diese an die Staatsanwaltschaft weiter.“ Die Staatsanwaltschaft prüft anschließend, ob die Beweismittel ausreichen. Dann kann Anklage erhoben oder der Erlass eines Strafbefehls ohne Hauptverhandlung beantragt werden.

Was ist, wenn sich herausstellt, dass der Vorfall doch nicht so ernst wie vermutet war – wer kommt für den Polizeieinsatz auf? Renate Schwarz-Saage: „Wenn Sie den Polizeinotruf betätigen und tatsächlich eine Notsituation vorliegt bzw. eine solche von Ihnen angenommen wird, kann Ihnen dies nicht zum Nachteil ausgelegt werden. Eine Kostenerstattung des Polizeieinsatzes wird in der Regel nur dann verlangt, wenn bewusst falsche Angaben gemacht wurden und die Polizei aufgrund dieser tätig geworden ist.“

 

Gibt es Möglichkeiten, die betroffene Person / die betroffenen Personen auch nach einem Polizei-Einsatz zu unterstützen?

Wenn sich die betroffene Person (gegebenenfalls zusammen mit ihren Kindern) entschließt, Hilfe in einem Frauenhaus zu suchen, sollte sie wichtige Dokumente bei sich haben. Sie können in dieser Situation gemeinsam eine Checkliste durchgehen:

  • Ausweise, Pässe, Krankenversicherungskarten
  • Geburts- und Heiratsurkunde
  • Kontounterlagen, Scheckkarten, Geld
  • Mietvertrag, Arbeitsvertrag, Bescheide von Arbeits- oder Sozialamt, Rentenversicherung
  • Sorgerechtsentscheide
  • Erforderliche Medikamente, ärztliche Atteste
  • Kleidung, Hygieneartikel, Schulsachen/Spielzeug der Kinder, persönliche Dokumente

Wenn die Betroffene zunächst in ihrer Wohnung bleiben möchte, da keine akute Gefahr mehr besteht, können Sie Ihre Hilfe anbieten und sie zum Beispiel auf das Beratungsangebot des Hilfetelefons „Gewalt gegen Frauen“ hinweisen.

DIREKTE HILFE

BEI HÄUSLICHER GEWALT

Es ist mutig, in Fällen häuslicher Gewalt einzugreifen. Sie verdienen Respekt. Dabei ist es aber völlig normal, wenn Sie sich unsicher fühlen. Sie sind damit nicht allein. Auch Sie haben ein Recht auf Beratung und Unterstützung.

Erste Ansprechpartner sind:

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