Häusliche Gewalt: Erkennen, Hilfe anbieten, handeln

Häusliche Gewalt wird oft unterschätzt. Nur wenn Nachbarschaft, Familie, Freundeskreis oder Bekannte, die Signale erkennen, können sie Betroffene unterstützen. Im Interview erläutert die Geschäftsführerin der Frauenhauskoordinierung, Heike Herold, worauf das Umfeld achten sollte, wie in Fällen häuslicher Gewalt eine Gewaltspirale entsteht und welche Abhängigkeiten es zwischen Tatpersonen und Betroffenen geben kann.

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Signale richtig deuten, Betroffene verstehen und das Gespräch suchen

Etwa jede vierte Frau wird mindestens einmal Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt durch ihren aktuellen oder früheren Partner. Betroffen sind Frauen aller sozialen Schichten und jeden Alters – und auch Männer.

Häusliche Gewalt kann unterschiedliche Formen annehmen – z.B. körperliche Gewalt, sexualisierte Gewalt, Bedrohung, Beleidigung, Ausspionieren, digitale Gewalt, manchmal auch Stalking. Die Dunkelziffer ist hoch, auch weil viele Betroffene die Tatperson nicht anzeigen. Umso wichtiger ist es, dass ein aufmerksames Umfeld Betroffenen Hilfe anbietet oder je nach Situation auch selbst handelt.

Wenn sich Anzeichen von häuslicher Gewalt bemerkbar machen, stehen Menschen aus dem Umfeld oft vor einem Zwiespalt: Sie möchten eingreifen, aber wissen nicht wie. Manchmal ist es auch so, dass die betroffene Person Hilfe ablehnt. Dann bleiben Hilfewillige oft ratlos zurück: „Mache ich die Sache größer als sie ist? Wäre es so schlimm, würden die beiden doch nicht zusammenbleiben.“

Wie das Umfeld scheinbar widersprüchliche Handlungsweisen von Betroffenen einordnen und helfen kann, erläutert die Geschäftsführerin der Frauenhauskoordinierung (FHK), Heike Herold.

Bei häuslicher Gewalt sind Menschen aus dem Umfeld oft unsicher: Streiten die einfach nur? Hat sich die Nachbarin nicht vielleicht doch bei einem Sturz verletzt? Inwieweit wird das Ausmaß von Gewalt gegen Frauen in der Öffentlichkeit Ihrer Erfahrung nach unterschätzt?

Heike Herold: Jede dritte bis vierte Frau in Deutschland ist mindestens einmal in ihrem Leben von Partnerschaftsgewalt betroffen – aber die hohe Zahl, die dahintersteckt, wird oft unterschätzt. Viele denken: In meinem Umfeld gibt es so etwas garantiert nicht. Hinzu kommt, dass viele Tatpersonen in der Öffentlichkeit sehr fürsorglich und keineswegs gewalttätig erscheinen.

Angenommen das Umfeld spricht eine betroffene Person auf häusliche Gewalt an, diese wiegelt aber ab: Es wäre nur ein Streit gewesen, dem Partner oder der Partnerin sei die Hand ausgerutscht. Was muss das Umfeld wissen, um die Situation, die Gefahr für die Betroffene und mögliche Handlungsmöglichkeiten besser einschätzen zu können?

Heike Herold: Für das Umfeld gilt generell: Hören und schauen Sie genau hin. Wonach hören sich die Geräusche in der Nachbarwohnung an? Passiert so etwas öfter? Achten Sie auf kleine Verletzungen und bestimmte Warnsignale. Dazu gehört ein verändertes Verhalten, wenn die Frau zum Beispiel nicht mehr wie sonst zum Sport geht. Achten Sie auf die Kinder, die vielleicht plötzlich in der Schule schlechter werden, aggressiv sind.

Ein erster wichtiger Schritt kann darin liegen, das Gespräch zu suchen. Zu sagen, dass man sich Sorgen macht. Hilfe anbieten und auf Angebote aufmerksam machen. So bekommt die Betroffene das Signal: Da ist jemand, der mich unterstützt, es gibt Anlaufstellen, die mir helfen können. Es ist nicht selten, dass von Gewalt betroffene Personen zuerst Hilfe ablehnen. Das sollte man hinnehmen und nicht erwarten, dass die Betroffene sich direkt öffnet.

Wie entsteht eine Gewaltspirale? Worauf sollten Nachbarschaft, Freundeskreis oder Bekannte achten? Was sind Ihrer Erfahrung nach die Hintergründe, warum sich Frauen nicht von gewalttätigen Partnerinnen oder Partnern trennen?

Heike Herold: Eine Gewaltspirale besteht aus verschiedenen Phasen: Der akuten Gewalthandlung folgt eine Reuephase der Tatperson. Danach baut sich wieder eine Spannung auf, es kommt zu einem neuen – im Laufe der Zeit häufig immer schlimmeren – Gewaltausbruch. Dieses Muster hilft, zu verstehen, warum Frauen vielleicht in einer bestimmten Situation keine Hilfe annehmen wollen. In der Reuephase nimmt die Betroffene eventuell sogar den Täter in Schutz. Die plötzlichen Zuwendungen des Partners werden als schön empfunden, plötzlich ist der Partner wieder die Person, in die man sich verliebt hat. Es gibt aber auch weitere Gründe, warum Betroffene mit einer Trennung zögern: Zum Beispiel die Sorge vor dem Verlust der Kinder. Oder ein Verantwortungsgefühl für den Partner, der im Fall einer Trennung mit Suizid droht.

Welche Abhängigkeiten können es Frauen in unterschiedlichen Altersgruppen oder gesellschaftlichen Schichten erschweren, in einer Gewaltsituation Hilfe zu suchen?

Heike Herold: Wichtig ist zu wissen: Häusliche Gewalt zieht sich durch alle sozialen Schichten. Kommt es zu Gewalt, sehen viele Frauen das als persönliches Versagen, da sie sich für das Gelingen der Partnerschaft verantwortlich fühlen. Viele geben sich selbst die Schuld daran oder glauben der Tatperson, wenn diese ihnen die Schuld zuweist. Gerade bei älteren Frauen kommt häufig auch die Sorge um die Existenzsicherung, vor einem sozialen Abstieg hinzu. Auch die Angst vor dem Alleinleben kann ein Hemmnis sein. Migrantinnen – vor allem ältere Frauen – wissen häufig nur wenig über Hilfeangebote. Sie fühlen sich oft stark an ihre Community gebunden, und deshalb fällt es ihnen umso schwerer, Hilfe von außerhalb zu suchen.

Häusliche Gewalt im Rentenalter – oft will das Umfeld das nicht glauben. Wie ist die Situation von älteren Frauen? In welchem Maße sind sie von häuslicher Gewalt betroffen? Ist es für das Umfeld schwerer, das zu erkennen?

Heike Herold: Ältere Frauen sind genauso von häuslicher Gewalt betroffen, wie andere Altersgruppen. Oft sehen Betroffene aber eine Partnerschaft mit anderen Augen. Bestimmte Rollenbilder können dazu beitragen, dass die erlebte Gewalt toleriert wird. In einem eher konservativen oder ländlichen Lebensumfeld kann es schwierig sein, sich anderen gegenüber zu öffnen oder tatsächlich Unterstützung zu finden.

Ältere Frauen nutzen zudem seltener Hilfeangebote. Gerade für diese Altersgruppe wären zielgerichtete Angebote wichtig. Das Gleiche gilt für Frauen mit Behinderung oder Pflegebedürftige. Frauenhäuser bieten Schutz, können aber eine Pflege nicht leisten. Umgekehrt sind Frauen in Pflegeeinrichtungen nicht immer ausreichend vor gewalttätigen Partnern geschützt.

Beziehungen, die von Gewalt geprägt sind, können über Jahre andauern, die Phase des sich Lösens und der Trennung dauert ebenfalls lange. Betroffene können die Situation selbst am besten einschätzen: Sie haben das Recht, in ihrem eigenen Tempo mit der Situation umzugehen und zu entscheiden, ob sie jetzt zu diesem Zeitpunkt Hilfe möchten.

Manche Menschen haben Sorge, die Situation für Betroffene zu verschlimmern, wenn sie häusliche Gewalt anzeigen – was würden Sie diesen Menschen sagen?

Heike Herold: Häusliche Gewalt gedeiht dort am besten, wo die soziale Kontrolle fehlt. Wenn kein gutes Nachbarschaftsverhältnis besteht oder die Familie eher isoliert ist. Das kann in allen sozialen Schichten der Fall sein.  Ein aufmerksames Umfeld ist deshalb umso wichtiger. Generell sollte eine Person, die helfen will, nichts über den Kopf der Betroffenen entscheiden. In einem vorsichtigen Vieraugengespräch kann man signalisieren: Ich bin für dich da, wenn du Hilfe brauchst. Oder zum Beispiel auf Hilfeangebote hinweisen. Bei akuter Gewalt gilt aber immer: Die Polizei rufen, das geht auch anonym.

DIREKTE HILFE

BEI HÄUSLICHER GEWALT

Es ist mutig, in Fällen häuslicher Gewalt einzugreifen. Sie verdienen Respekt. Dabei ist es aber völlig normal, wenn Sie sich unsicher fühlen. Sie sind damit nicht allein. Auch Sie haben ein Recht auf Beratung und Unterstützung.

Erste Ansprechpartner sind:

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