Gewaltschutz jenseits von Rollenklischees

Auch Männer sind von Partnerschaftsgewalt betroffen. Klischees vom „starken Mann“ machen es Betroffenen oft schwer, ihre Situation anzusprechen oder Hilfe zu suchen. Das Umfeld kann hier eine wichtige Rolle spielen und Männer unterstützen.

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Wie das Umfeld helfen kann

Eine Frau schlägt ihren Mann? Die Partnerin bedroht den Freund? Der Nachbar hat nach Streitigkeiten mit der Ehefrau blaue Flecken? Oft begegnen Betroffenen in diesen Situationen Ungläubigkeit oder die Frage, warum sie sich nicht wehren.

Wenn Männer Opfer von Partnerschaftsgewalt werden, sehen sie sich oft einer Vielzahl von Rollenklischees gegenüber, die es ihnen erschweren, Hilfe zu suchen oder zu bekommen. Umso wichtiger ist es, geschlechtsspezifische Rollenklischees und Mythen zu Täter-Opfer-Rollen zu thematisieren und aufzubrechen. Das gleiche gilt für das direkte Umfeld: Der Freundes- oder Kollegenkreis, die Familie oder die Nachbarschaft sollten sich über Hemmnisse im Klaren sein, die es Männern erschweren, sich zu öffnen. So kann das Umfeld von Betroffenen schon bei Anzeichen von Gewalt das Gespräch suchen und Männern zur Seite stehen.

Im Folgenden berichten Fachpartner von „Stärker als Gewalt“ über ihre Erfahrung aus der Beratung und geben Tipps, wie das Umfeld von Gewalt betroffenen Männern helfen kann.

Was können die Nachbarschaft, der Freundeskreis oder die Familie tun, um Männer dabei zu unterstützen, sich aus einer Gewaltsituation zu befreien oder diese als Täter zu beenden und sich Hilfe zu suchen?

Rüdiger Jähne, SKM Bundesverband: Die Erfahrung zeigt, dass sich der Kreislauf der Gewalt kaum ohne externe Hilfe beenden lässt. Betroffene brauchen Bestärkung, dass es nicht in Ordnung ist, was ihnen widerfährt und dass es okay ist, sich Hilfe zu holen. Auch Täter und Täterinnen schaffen es in der Regel nicht allein, ihr Verhalten zu ändern.

Enrico Damme, Bundesfach- und Koordinierungsstelle Männergewaltschutz: Aktiv werden und das Gespräch suchen. Zum Beispiel in Situationen wie dem Gespräch über den Gartenzaun, beim gemeinsamen Handwerken, bei einem Vereinstreffen oder auf einer Wanderung. In solchen Situationen ist es für Männer meist leichter, sich zu öffnen, auch zu Themen wie der Partnerschaft. Gewaltbetroffenheit kommt nur schwer zur Sprache, weil es ein Tabuthema ist. Oft werden Andeutungen in Gesprächen fallengelassen – umso wichtiger ist es, dann genau hinzuhören, vorsichtig nachzufragen, aber auch dranzubleiben, wenn das Gespräch zunächst abgeblockt wird. Mit Formulierungen wie „Mir ist da was aufgefallen“ oder „Ich mache mir Sorgen um dich“, spricht man Mitgefühl und Aufmerksamkeit aus. In jedem Fall sollte man sich an eine Beratungsstelle wenden, wo Fachkräfte professionell und bei Bedarf anonym weiterhelfen.

Dr. Dag Schölper, Bundesforum Männer: Hinhören und hinsehen, wenn sie das Gefühl haben, dass ein Mann Gewalt erleidet. Situationen nicht runterspielen, sondern ernst nehmen. Sich als Gesprächspartner bzw. -partnerin anbieten, aber dabei auch auf die eigenen Grenzen achten. Auf Beratungsangebote wie das Männerberatungsnetz oder das Männerhilfetelefon hinweisen.

Welchen Einfluss haben Rollenklischees wie: Männer sind immer stark, „echte“ Männer brauchen keine Hilfe?

Enrico Damme, Bundesfach- und Koordinierungsstelle Männergewaltschutz: Solche Vorstellungen sind meist stark und von klein auf sozialisiert, beispielsweise durch Sprüche wie „Jungen beziehungsweise Männer weinen nicht“. Vielen Jungen wird quasi „abtrainiert“, auf ihre Gefühle zu achten, auf Schmerzen, Freude, Wohlwollen, Aggressionen. Jungen und Männer müssen ermutigt werden, ihre Gefühlswelt zu erkennen und ernst zu nehmen.

Dr. Dag Schölper, Bundesforum Männer: Tradierte Vorurteile, dass Männer immer stark und keine Opfer sind, gehören endlich überwunden. Männer sind verletzbar! Auch Männer und Jungen werden Opfer von Gewalt: in der Familie, in der Partnerschafft, am Arbeitsplatz, im öffentlichen und virtuellen Raum.

Welche Rolle spielen Klischees von Gewalterfahrungen und Vorverurteilungen wie: Es gibt „typische Opfer“ oder „einmal Täter, immer Täter“?

Dr. Dag Schölper, Bundesforum Männer: Gewalt zu erleiden oder Gewalt auszuüben ist in unserer Gesellschaft immer noch von geschlechterdualistischen Stereotypen bestimmt. Dadurch ist die Gewaltbetroffenheit von Männern immer noch und zu oft ein blinder Fleck in der individuellen und gesellschaftlichen Wahrnehmung, in politischen Entscheidungsstrukturen und bei den zur Verfügung stehenden Hilfestrukturen. Es ist wichtig, die Gesellschaft dafür zu sensibilisieren, dass auch Männer und Jungen Opfer von Gewalt sein können.

Rüdiger Jähne, SKM Bundesverband: Männer, die von Gewalt betroffen sind, unterliegen oft einer doppelten Tabuisierung. Zum einen sind sie selbst oft beschämt, als Mann betroffen zu sein oder glauben, dass sie die Gewalt „verdient“ hätten, da es nicht zum Selbstbild als Mann passt. Zum anderen gibt es aufgrund dieses Bildes eben auch kaum Hilfsangebote für Männer, an die sie sich wenden könnten.

Enrico Damme, Bundesfach- und Koordinierungsstelle Männergewaltschutz: Vorurteile wie „Männer werden keine Opfer“ oder „Welcher Mann lässt sich von einer Frau schlagen?“, machen es Männern oft sehr schwer, sich mit der Gewalterfahrung vor Institutionen wie der Polizei oder Beratungsstellen zu öffnen; und oft ist da auch die Angst, dass Gewalterfahrungen Männern nicht geglaubt werden. Hinzu kommt, dass andere Formen als körperliche Gewalt – wie psychische Gewalt, Herabwürdigungen, Entzug von Geld, Essen und Sozialkontakten – oft nicht als Gewalt erkannt und empfunden werden. Wer in der Kindheit Zeuge von Gewalt war oder selbst betroffen war, neigt eher dazu, dies auch normal zu finden und „weiterzugeben“. Dessen müssen sich Betroffene sowie Tatpersonen erst einmal bewusst werden.

Das Umfeld zählt – gemeinsam gegen Gewalt an Männern

Anzeichen für häusliche Gewalt zeigen sich oft nicht auf den ersten Blick: Ein aufmerksames Umfeld ist deshalb umso wichtiger, damit Betroffene Unterstützung bekommen. Schauen Sie nicht weg, sondern suchen Sie das Gespräch. Es ist mutig, in Fällen häuslicher Gewalt einzugreifen. Dabei ist es völlig normal, wenn Sie sich unsicher fühlen. Sie haben ein Recht auf Beratung und Unterstützung, wie Sie in einer solchen Situation am besten vorgehen können.

DIREKTE HILFE

BEI HÄUSLICHER GEWALT

Hier finden Sie Rat, wenn Sie Männern helfen wollen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind.

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