Gewalt am Arbeitsplatz: Schutz vor Belästigung und Übergriffen

Gewalt am Arbeitsplatz ist keine Seltenheit. Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber sind verpflichtet, die Übergriffe zu unterbinden. Umso wichtiger ist es, dass Vorgesetzte und das Umfeld Signale erkennen, um gegen sexuelle Belästigung und Sexismus aktiv zu werden. Im Interview erläutert Anita Eckhardt vom Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff), wie sich die Wahrnehmung von Belästigung und Sexismus und das Vorgehen dagegen geändert haben und wie ein noch besserer Schutz am Arbeitsplatz gelingen könnte. Zudem zeigt sie auf, was Betroffene tun können und wie das Umfeld sie unterstützen kann.

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Haltung zeigen und handeln – „Make it work!“ bietet Unterstützung, Schulungen und Austausch

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz betrifft mehr Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, als viele denken: Jede 11. erwerbstätige Person hat in den vergangenen drei Jahren sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt (Antidiskriminierungsstelle des Bundes). Aber ab wann fängt Belästigung an? Betroffene und das Umfeld sind hier oft unsicher. Sexuelle Belästigung kann unterschiedliche Formen annehmen – zum Beispiel als anzügliche Bemerkung, unerwünschte Berührung oder als Aufforderung zu sexualisierten Handlungen. Umso wichtiger ist es, dass Betroffene ihre Rechte kennen und dass Vorgesetzte und ein aufmerksames Umfeld Warnzeichen erkennen und gegen die Übergriffe vorgehen können.

Mit „make it work!“ hat der Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff) 2019 ein Projekt ins Leben gerufen, das mit Fachberatungsstellen, Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern sowie Expertinnen und Experten aus verschiedenen Bereichen zusammenarbeitet, um den Schutz vor sexueller Belästigung am Arbeitsplatz zu verbessern. Das Projekt unterstützt über die Fachberatungsstellen des bff Betroffene dabei, ihre Rechte wahrzunehmen, vermittelt Schulungen für Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber und engagiert sich durch Öffentlichkeitsarbeit und Aufklärung sowie durch den Aufbau bundesweiter fachlicher Austauschräume und stellt Infomaterialien zur Verfügung. So hat „make it work!“ im Mai 2021 Videoclips zu sexueller Belästigung am Arbeitsplatz veröffentlicht. Gefördert wird das Projekt durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Anita Eckhardt gehört zum Leitungsteam des Projekts „make it work!“. Im Interview spricht sie darüber, wie Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber gegen sexuelle Belästigung und Sexismus vorgehen können und gibt Tipps für Betroffene und ihr Umfeld.

Wie hat sich die Wahrnehmung von sexueller Belästigung und Sexismus in der Arbeitswelt verändert? Inwiefern hat sich das Vorgehen gegen ein solches Verhalten verändert?

Anita Eckhardt: Durch Bewegungen und Debatten wie #Metoo und #aufschrei wurde das Thema Grenzüberschreitungen und sexuelle Gewalt am Arbeitsplatz verstärkt in die Öffentlichkeit hineingetragen. Sexualisierte Grenzüberschreitungen sind damit sehr viel sichtbarer geworden. Die Gesellschaft muss sich mit der Thematik auseinandersetzen, und viele Betroffene fühlen sich ermutigt, über Übergriffe zu sprechen.

Es ist dennoch schwierig, generell zu beurteilen, wie sich das Vorgehen gegen Belästigung am Arbeitsplatz verändert hat. Sicher finden sich gute Beispiele, wo Betroffene nach Vorfällen gute Unterstützung erhalten und Unternehmen und Organisationen das Recht auf einen gewaltfreien Arbeitsplatz gut umsetzen. Wir erhalten deutlich mehr Anfragen für Schulungen als früher. Dennoch fehlen bislang eine strukturierte Verantwortungsübernahme und die flächendeckende Umsetzung von Maßnahmen von Seiten der Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber. Noch zu oft wird erst gehandelt, wenn ein Vorfall bekannt wird. Und es ist auch immer noch so, dass diejenigen, die sich in sehr starken Abhängigkeiten befinden – wie zum Beispiel Auszubildende oder Menschen, die zusätzlich zu den Belästigungen beispielsweise rassistisch diskriminiert werden – viel zu wenig Öffentlichkeit und Unterstützung erhalten und dann in der Regel die Übergriffe erdulden müssen oder den Arbeitsplatz verlassen. Es ist also noch viel zu tun!

Für welche Warnzeichen müssen Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber sensibilisiert sein, um sexuelle Belästigung oder Sexismus erkennen zu können? Und wie können sie dagegen vorgehen?

Anita Eckhardt: Es ist sicherlich wichtig, auf individuelle Warnzeichen zu achten. Zum Beispiel, wenn sich Beschäftigte vermehrt krankmelden, sich zurückziehen oder ihr Verhalten am Arbeitsplatz ändern. Dann macht es Sinn, das Gespräch zu suchen. Aber solche oder ähnliche Verhaltensänderungen können schlussendlich in vielem begründet sein. Individuelle Unterstützung ist zwar unerlässlich, aber sie muss unbedingt auf dem Boden struktureller Maßnahmen geschehen. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) verpflichtet Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber, sexuelle Belästigung zu verhindern und zu beenden und auch Beschäftigte präventiv zu schützen. Ein Unternehmen muss klar und von ganz oben kommunizieren: Hier herrscht ein respektvolles Arbeitsklima. Und es darf nicht bei Worten bleiben. Geschäftsführungen müssen dafür sorgen, dass Strukturen etabliert und bekannt gemacht werden: Betriebe müssen eine Beschwerdestelle aufsetzen, weitere Ansprechpersonen wie Betriebsratsmitglieder oder Gleichstellungsbeauftragte können eine vertrauliche Beratung anbieten, Personen mit Personalverantwortung müssen über ihre Pflichten informiert und in ihren Handlungsoptionen geschult werden. Es gilt, Dienstvereinbarungen und Handlungsleitlinien zu etablieren, damit alle ihre Verantwortung wahrnehmen können.

Betroffene müssen das berechtigte Gefühl haben, dass sie sich an ihrem Arbeitsort öffnen können und dass sich ihre Situation dadurch verbessert. Leider ist es immer noch zu häufig der Regelfall, dass Betroffene ihre ökonomische Existenzgrundlage und ihre persönliche Integrität aufs Spiel setzen, wenn sie sich öffnen.

In einem konkreten Fall haben Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber verschiedene Möglichkeiten, gegen belästigende Personen vorzugehen: Oft schon ist ein Gespräch sehr hilfreich, aber natürlich existiert auch eine Bandbreite an arbeitsrechtlichen Möglichkeiten, wie Ermahnung, Abmahnung, Versetzung oder Kündigung. Hier ist es im Einzelfall sicher auch sinnvoll, juristische Expertise hinzuzuziehen.

Wie könnte ein noch besserer Schutz vor sexueller Belästigung am Arbeitsplatz gelingen?

Anita Eckhardt: Noch besserer Schutz kann dann gelingen, wenn Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aufgrund der Unternehmenskultur und bestehenden präventiven Maßnahmen am Arbeitsort das Gefühl haben, dass respektvolles Verhalten erwünscht und übergriffiges Verhalten sanktioniert wird und dass alle etwas dazu beitragen können und sollen. Mit dieser Haltung zeigen Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber, dass sie das Recht auf einen gewalt- und übergriffsfreien Arbeitsplatz ernst nehmen und dies als Qualitätsmerkmal für das Unternehmen begreifen. Unternehmen können auf die Expertise der Fachberatungsstellen des bff oder auch der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zurückgreifen, um Konzepte und Maßnahmen zu erarbeiten und umzusetzen. Wichtig ist auch, allen Gruppen die Möglichkeit zu geben, ihr Recht wahrzunehmen. Das betrifft beispielsweise die Situation von trans* Personen, Menschen in Werkstätten, aber auch gänzlich ungeschützte Arbeitsverhältnisse und Arbeitssituationen in extremen Abhängigkeiten.

Was raten Sie Betroffenen, wenn sie sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt haben? Was können sie tun?

Anita Eckhardt:

  • Vertrauen Sie Ihrem Empfinden – wenn sich etwas am Arbeitsort nicht gut anfühlt, dürfen Sie es thematisieren, auch wenn Sie es selbst noch nicht richtig einordnen können. Sprechen Sie mit nahestehenden Personen darüber, bleiben Sie mit Ihren Sorgen nicht allein.
  • Holen Sie sich Unterstützung – entweder in Ihrer Firma/Organisation oder bei einer Fachberatungsstelle.
  • Wenn Sie es schaffen, sprechen Sie die belästigende Person an, thematisieren Sie, dass das Verhalten gestoppt werden muss – das kann entweder in der Situation selbst sein oder danach. Dokumentieren Sie, wenn möglich, die Vorfälle, sodass Sie später auf diese Notizen zurückgreifen können. Aber machen Sie sich keine Vorwürfe, wenn sie das nicht geschafft haben. Das ist nur menschlich.

Wie kann das Umfeld Menschen helfen, die am Arbeitsplatz von sexueller Belästigung und Sexismus betroffen sind?

Anita Eckhardt: Wir wissen, dass die Reaktionen des Umfeldes enorm wichtig sind, wenn Menschen Übergriffe erleben. Machen Sie sich das bewusst. Sie können einen echten Unterschied machen.

  • Positionieren Sie sich, entweder in der Situation selbst oder gehen Sie nach einem Vorfall zu der betroffenen Person hin und fragen Sie, was die betroffene Person braucht. Machen Sie der Person keine Vorwürfe, dass sie nicht auf eine bestimmte Art und Weise gehandelt hat. Das wäre eine Verschiebung der Verantwortung – die Verantwortung für den Übergriff trägt allein der Täter oder die Täterin.
  • Bieten Sie Unterstützung und Begleitung bei nächsten Schritten an, zum Beispiel beim Gang zu Gleichstellungsbeauftragten oder zur Fachberatungsstelle. Akzeptieren Sie aber auch, wenn die betroffene Person erst einmal etwas Zeit braucht, um sich zu sammeln.
  • Setzen Sie sich auch unabhängig von einem bestimmen Vorfall im Unternehmen für das Thema ein und haben Sie parat: Fachstellen sind auch für Sie da, wenn Sie nicht wissen, was Sie tun können, um zu helfen.

Wie können sich Betroffene, das Umfeld oder Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber an „make it work!“ wenden?

Anita Eckhardt: Schreiben Sie einfach eine E-Mail an: makeitwork(at)bv-bff.de. Auf der Website www.frauen-gegen-gewalt.de finden Sie auch eine Fachberatungsstelle in Ihrer Nähe. Zögern Sie nicht, Kontakt aufzunehmen.

Weitere Informationen unter: www.frauen-gegen-gewalt.de

DIREKTE HILFE

BEI GEWALT AM ARBEITSPLATZ

Es ist mutig, gegen Gewalt am Arbeitsplatz einzustehen. Sie verdienen Respekt. Dabei ist es aber völlig normal, wenn Sie sich unsicher fühlen. Auch Sie haben ein Recht auf Beratung und Unterstützung.

Erste Ansprechpartner sind:

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