Gemeinsam gegen Cybermobbing

Cybermobbing hört selten von allein auf: Unsere Interviewpartnerinnen und -partner schildern unterschiedliche Erfahrungen – und erzählen, was sie den Angriffen entgegengesetzt haben.  

Expertinnen und Experten betonen: Es ist wichtig, sich gegen Cybermobbing zu wehren. Denn von allein hören die Tatpersonen in der Regel nicht auf. Jeder Mensch, der Cybermobbing beobachtet, ist gefragt einzugreifen. Nur wie? Im Folgenden kommen Menschen zu Wort, die gegen Cybermobbing aktiv geworden sind. Sie erzählen, was sie anderen raten, die von Cybermobbing betroffen sind oder die Cybermobbing beobachten und Betroffenen helfen wollen.

Cheyenne Ochsenknecht

Cheyenne Ochsenknecht ist Model und Influencerin. Sie hat selbst Erfahrung mit Cybermobbing gemacht und engagiert sich seitdem gegen Hass im Netz. Zusammen mit ihrer Mutter Natascha Ochsenknecht hat sie das Buch „Wehr dich! Wie Mutter und Tochter gegen den Hass im Netz kämpfen“ geschrieben. Darin erzählt sie ihre Geschichte und zeigt, wie Betroffene sich wehren können.

"Das Schlimme an Cybermobbing ist ja, dass man oft nicht wirklich weiß, wer dahintersteckt. Ich habe lange versucht, die Angriffe einfach zu ignorieren. Aber es wurde immer schlimmer und hat mich sehr belastet. Da habe ich gemerkt: Das muss ich stoppen. Niemand hat das Recht, mich im Netz zu beleidigen und zu bedrohen. Mir hat es unheimlich gutgetan, dass mein Umfeld und die Polizei die Attacken ernst genommen haben.“
Cheyenne Ochsenknecht

Sarah Gassenmann, #ichbinhier

Sarah Gassenmann engagiert sich seit Anfang 2017 für #ichbinhier. Der gemeinnützige Verein sensibilisiert für das Thema Hass im Netz und klärt über die Ursachen von Hassrede, ihre Verbreitung und ihre Auswirkungen auf. #ichbinhier ist in sozialen Medien und Foren aktiv und setzt im Kampf gegen Cybermobbing auf sachliche Kommentare und Argumente.

"Flapsige Sprüche sind eine Sache – die kann man ignorieren. Cybermobbing ist etwas anderes, nämlich Gewalt: Da geht es um strafrechtlich relevante Beleidigungen, um Kommentarbereiche, in denen sich in kurzer Zeit beleidigende, böswillige oder hasserfüllte Kommentare häufen."
Sarah Gassenmann

Friederike Behrendt, Anti-Stalking-Projekt Berlin

Friederike Behrendt ist Sozialarbeiterin und psychosoziale Beraterin im Fachbereich Cyberstalking. Beim 2014 ins Leben gerufenen Anti-Stalking-Projekt des FRIEDA-Frauenzentrum e.V. berät und unterstützt sie Frauen, die von Stalking und/oder Cyberstalking betroffen sind sowie Angehörige und Umfeld.

"Es fehlt in unserer Gesellschaft an Sensibilität für das Thema digitale Gewalt – und für die Bedrohung, die davon ausgeht."
Friederike Behrendt

1. In welcher Weise sind Sie aktiv gegen digitale Gewalt und Cybermobbing?

Sarah Gassenmann: Wir nutzen die Kommentarbereiche in den sozialen Medien und versuchen, sachlich gegen Hassrede oder rassistische oder frauenfeindliche Kommentare zu argumentieren. Wir rufen andere dazu auf, Personen zu unterstützen, die von Cybermobbing oder einem Shitstorm betroffen sind. Tatsache ist, dass 5% der Accounts für 50% des Hasses im Netz verantwortlich sind. (Aber) von allein hört Cybermobbing nicht auf. Wir dürfen nicht hinnehmen, dass bestimmte Gruppen im Netz Hass ausgesetzt sind. 

Friederike Behrendt: Wir beraten Frauen hauptsächlich zu Cyberstalking, aber auch zu anderen Formen digitaler Gewalt. Dabei ergänzen sich die fachliche IT-Beratung sowie die psychosoziale Beratung. Wir helfen Betroffenen dabei, die Situation zu verstehen und zu verarbeiten und nehmen sie mit ihren Gefühlen ernst.

Cheyenne Ochsenknecht: Ich habe lange Zeit überlegt, wie ich das Ganze angehen soll. Ich habe dann spontan mit unserer Anwältin gesprochen, was man machen könnte. Sie hat mir direkt geraten, jeden Menschen, von dem ich mich beleidigt oder angegriffen fühle, sofort anzuzeigen. Und das habe ich am gleichen Tag noch getan.

2. Warum hat das funktioniert?

Sarah Gassenmann: Unsere Strategie, Solidarität, mit Betroffenen zu zeigen und sachlich zu kommentieren, funktioniert. Die Betroffenen sehen: Da hält jemand dagegen. Die solidarische Unterstützung einer großen Gruppe ist gerade für Frauen besonders wichtig, die Bodyshaming (Anm.: Beleidigungen aufgrund des körperlichen Erscheinungsbildes, das vermeintlich nicht einem Schönheitsideal entspricht) erleben. Wir unterstützen positive Kommentare mit eigenen Kommentaren. Dadurch steigt das Ranking dieser Kommentare. Um diesen Effekt bei negativen Kommentaren zu vermeiden, kommentieren wir diese in der Regel nicht direkt. 

Friederike Behrendt:Gerade das IT-Fachwissen ist für Betroffene wertvoll: Viele fühlen sich unsicher, da sie sehr wenig über diese speziellen Themen wissen. Auch das soziale Umfeld ist oft überfordert. Gemeinsam erarbeiten wir individuelle Sicherheitsstrategien.

Cheyenne Ochsenknecht: Ich würde sagen, es hat funktioniert, weil mobbende Personen nicht damit rechnen, dass Betroffene sich auch wehren können. Ich glaube, das war auch der entscheidende Punkt, wo ich dachte, ich mache weiter mit den Anzeigen, um mich zu wehren und zu zeigen, dass ich stark bin.

3. Was würden Sie künftig/heute anders machen?

Sarah Gassenmann: Früher damit anfangen, im Netz gegen Hass aktiv zu werden. Das Problem wurde jahrelang nicht als solches wahrgenommen oder nicht beachtet. Bei jungen Menschen merkt man heute eine gewisse Resignation – das Netz ist für viele durch den Anstieg von Hassrede und Cybermobbing ein Stück weit verlorenes Gebiet. 

Friederike Behrendt: Ich finde es nach wie vor richtig und wichtig, digitale Gewalt anzuzeigen. Aber ich berate heute eher unter dem Gesichtspunkt: Was braucht die Betroffene? Einigen fehlt die Kraft, zum aktuellen Zeitpunkt eine Anzeige zu stellen. Dann überlegen wir, welche Schritte möglich sind, aber die Stabilisierung steht zunächst im Vordergrund. Zum Beispiel kann begonnen werden Beweismaterial zu sammeln, um dann zu einem späteren Zeitpunkt Anzeige zu erstatten.

Cheyenne Ochsenknecht: In Zukunft würde ich wirklich direkt zur Polizei gehen oder die Internetwache nutzen und das Mobbing direkt anzeigen, ohne lange zu warten. Und ich würde wirklich weiter darüber öffentlich reden.

4. Aus Ihrer Erfahrung heraus: Welche Anlaufstellen oder Informationsquellen helfen Betroffenen und ihrem Umfeld dabei, sich vor digitaler Gewalt zu schützen?

Sarah Gassenmann: Zum Beispiel Initiativen wie „No-Hate-Speech-Movement“ oder der österreichische Verein Mimikama, der über Internetmissbrauch aufklären will. Ratgeberplattformen wie hateaid.org informieren über die Rechtslage zu Cybermobbing und Hass im Netz. Der „Faktencheck“ von correctiv.org setzt Fakten gegen Falschmeldungen. Diese Seiten zeigen: Wer sich gegen Hass im Netz stellt, ist nicht allein.  

Friederike Behrendt: Auch „mobilsicher.de“ ist ein Infoportal für sichere Handynutzung. digitalcourage e.V. ist ein Verein, der sich aktiv für Datenschutz einsetzt.

Cheyenne Ochsenknecht: Am meisten hat mir auf jeden Fall meine Mama geholfen, weil sie seit dem ersten Tag alles mitbekommen hat, außerdem meine Anwältin und auf jeden Fall die Mobbing-Beratung bei der Polizei.

5. Was raten Sie Menschen, die Cybermobbing in ihrem Umfeld beenden wollen sowie den Betroffenen selbst?

Sarah Gassenmann: Ruhe bewahren und mit technischen Mitteln dagegensteuern: Zum Beispiel auf sozialen Medien Beiträge, Fotos, Freundeslisten als „Nicht öffentlich“ einstellen. Sortierungen ändern, oder die Seite stilllegen, sind Optionen für Seitenbetreiber. Verbündete und professionelle Hilfe suchen: Betroffene und ihr Umfeld können Gruppen wie uns anschreiben und sich Tipps holen. Und sie sollten sich beraten lassen. Denn vieles kann man strafrechtlich verfolgen lassen. 

Friederike Behrendt: Das Umfeld sollte Betroffene immer ernst nehmen, die Schilderungen nicht bagatellisieren. Digitale Gewalt hat reale Auswirkungen, sowohl psychisch als auch sozial. Gemeinsam Beweise speichern, ausdrucken, Protokolle erstellen. Passwörter ändern, sichere Passwörter wählen. WLAN, Bluetooth oder GPS am besten immer ausschalten, wenn es nicht benötigt wird. Täterinnen oder Tätern einmalig klar machen, die Kontaktversuche oder verbalen Angriffe zu unterlassen – und dann konsequent nicht mehr darauf reagieren. Wichtig ist: Die betroffene Person muss das selbst stoppen wollen. Aber wenn das Umfeld akute Gewalt befürchtet, gilt es auf jeden Fall zu handeln.

Cheyenne Ochsenknecht: Darüber zu sprechen, was in einem vorgeht und was einem passiert ist. Direkt klar zu machen, wie ernst das Ganze ist, und sich nicht einschüchtern lassen, sondern Stärke zeigen. Direkt zur Beratungsstelle oder Polizei zu gehen, um sich einen Rat oder Hilfe zu holen.

 

3 FRAGEN AN…

Ans Hartmann, Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff)

Wie engagiert sich der bff gegen digitale Gewalt?

Mit unserem Projekt „bff: aktiv gegen digitale Gewalt“ wollen wir dafür sensibilisieren, dass sich geschlechtsspezifische Gewalt immer mehr digitalisiert. Und dass sie vor allem auch im sozialen Nahraum – also zum Beispiel bei Partnerschaftsgewalt und Stalking – eine wesentliche Rolle spielt. Wichtig ist, die Situation von Betroffenen in möglichst vielen Bereichen zu verbessern. Auf unserer Online-Plattform finden Betroffene und ihr Umfeld Informationen zu verschiedenen Gewaltformen und Techniksicherheit sowie eine bundesweite Datenbank mit Fachberatungsstellen.

Was unterscheidet digitale Gewalt von anderen Gewaltformen?

Bei Cybermobbing und anderen Formen digitaler Gewalt lässt sich ein hohes Maß an sogenanntem Victim Blaming (Anm.: „Opfer-Täter-Umkehr“: Betroffenen von Gewalt wird vorgeworfen, die Angriffe durch ein bestimmtes Verhalten provoziert zu haben) beobachten. Betroffene sehen sich Vorwürfen und Schuldzuschreibungen ausgesetzt, teils sexistisch oder rassistisch. Es ist wichtig, sich klar zu machen, dass die erfahrene Gewalt in keinem Fall die eigene Schuld ist. Egal, welche App ich nutze, egal welche Bilder ich teile; egal, ob ich mich gerade getrennt habe oder ob ich mich gegen Rassismus und Diskriminierung, wie zum Beispiel Transfeindlichkeit im Netz einsetze – niemand hat das Recht, dies als Anlass für Bedrohungen und Übergriffe zu nehmen. Schuld an Grenzverletzungen und gewaltvollen Handlungen tragen immer die Tatpersonen.

Was haben Sie sich zum Ziel gesetzt?

Mit dem Projekt ist ein Anfang getan, um die vielen verschiedenen Formen digitaler Gewalt sichtbarer zu machen, um Netzwerke und Kooperationen aufzubauen und zu verdeutlichen, wie komplex das Thema ist. Es benötigt aber noch mehr gemeinsame Anstrengungen auf vielen Ebenen. Es bräuchte beispielsweise bei Technikfirmen, aber auch bei Polizei und Justiz mehr Sensibilität und Kapazitäten in diesem Feld. Für alle Betroffenen muss es einen barrierefreien Zugang zu Beratungs- und Unterstützungsangeboten geben.

DIREKTE HILFE

BEI DIGITALER GEWALT

Es ist mutig, in Fällen digitaler Gewalt einzugreifen. Sie verdienen Respekt. Dabei ist es aber völlig normal, wenn Sie sich unsicher fühlen. Auch Sie haben ein Recht auf Beratung und Unterstützung.

Erste Ansprechpartner sind:

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