Vergewaltigt? So geht die anonyme Spurensicherung

In vielen Krankenhäusern besteht die Möglichkeit, Gewaltspuren auch ohne Anzeige gerichtsfest zu dokumentieren. Die Gewaltschutzambulanz der Charité in Berlin hat uns Einblick gewährt.

Bild zeigt Frau Dr. Etzold

DNA-Spuren lassen sich nur innerhalb von 72 Stunden zuverlässig sichern. Vielen Betroffenen reicht diese Zeit nicht aus, um sich für oder gegen eine Anzeige zu entscheiden. Durch eine anonyme Spurensicherung gewinnen sie wertvolle Zeit. Sie können innerhalb der 72-Stunden-Frist alle Spuren sichern lassen – ohne sich in der Ausnahmesituation unmittelbar nach der Tat für oder gegen eine Anzeige entscheiden zu müssen. Es gibt allerdings regionale Unterschiede, was das Angebot der Beweissicherung in Gewaltschutzambulanzen oder Kliniken angeht.

Die Gewaltschutzambulanz der Charité in Berlin war eine der ersten Einrichtungen mit vertraulicher Spurensicherung in Deutschland. Die stellvertretende ärztliche Leiterin Dr. Saskia Etzold hat uns erklärt, wie die Untersuchung dort funktioniert.

Folgende Informationen finden Sie auf dieser Seite:

  • Was ist eine Gewaltschutzambulanz und wie arbeitet sie?
  • Wie anonym kann die Untersuchung nach Vergewaltigung sein?
  • Wie läuft die anonyme Spurensicherung ab?
  • Wie lassen sich K.O.-Tropfen nachweisen?
  • Was passiert, wenn sich Betroffene an nichts erinnern können?
  • Was geschieht mit der Dokumentation des Falls?

 

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Was ist eine Gewaltschutzambulanz und wie arbeitet sie?

Eine Gewaltschutzambulanz ist eine rechtsmedizinische Einrichtung. Sie behandelt keine Verletzungen, sondern erstellt gerichtsfeste Dokumentationen aller sichtbaren Verletzungen jeder Form von körperlicher Gewalt am menschlichen Körper. „Unsere Aufgabe ist es, Verletzungen am Körper zu lesen, also festzuhalten, wie die Verletzungen und Angaben zusammenpassen“, sagt Saskia Etzold. Untersucht werden sowohl Frauen als auch Männer. Die Gutachten gelten vor Gericht als Beweis.

Viele Gewaltschutzambulanzen bieten darüber hinaus auch die Vermittlung an eine Beratungsstelle an. In der Berliner Gewaltschutzambulanz hat etwa die Hälfte der Untersuchten Gewalt innerhalb oder nach einer Partnerschaft erfahren. Auch sexuelle Gewalt passiert oft im Nahbereich: unter Angehörigen, im Freundes- oder Kollegenkreis. Vielfach stellen sich dann existenzielle Fragen. Muss ich umziehen? Kann ich meine Stelle kündigen – und wer kommt dann für meinen Lebensunterhalt auf? Was ist mit gemeinsamen Kindern?

Daher arbeiten in den Räumen der Gewaltschutzambulanz auch mobile Beraterinnen der Opferhilfe e.V. Sie klären mit den Betroffenen nicht nur auch die Lebensumstände und den Hilfebedarf, begleiten zu Behörden oder ins Frauenhaus. „Diese umfassende Hilfe aus einer Hand ist gerade für Frauen wichtig, um abwägen zu können, ob sie sich stark genug für eine Anzeige fühlen“, sagt Saskia Etzold.

Wie anonym kann die Untersuchung nach Vergewaltigung sein?

Gerichtsfeste Dokumentation und Anonymität im eigentlichen Sinne schließen einander aus. Im Falle eines späteren Gerichtsverfahrens muss das Gutachten zweifelsfrei einer Person zugeordnet werden können. Bei der Aufnahme in der Rettungsstelle müssen die Betroffenen also in jedem Fall den Personalausweis vorlegen und auch die Versichertenkarte der Krankenkasse.  Die medizinischen Untersuchungen rechnet die Klinik später dort ab. Allerdings erfährt die Krankenkasse nur, dass zum Beispiel eine gynäkologische Untersuchung stattgefunden hat, nicht jedoch den Grund dafür.

Saskia Etzold spricht daher lieber von einer vertraulichen Spurensicherung. „Wir als Gewaltschutzambulanz sind kein Teil der Ermittlungsbehörden. Wir unterliegen der ärztlichen Schweigepflicht“, sagt die Rechtsmedizinerin.

Daher verlässt nichts die Gewaltschutzambulanz ohne Zustimmung der untersuchten Person. „Diese Kontrolle ist den Betroffenen wichtig. Allein sie entscheiden, was mit der Dokumentation passiert“, so Saskia Etzold. Das Offenlegen des eigenen Namens gegenüber der Gewaltschutzambulanz hingegen sei selten ein Problem. „Die meisten Frauen, die hierher kommen, ziehen die Untersuchung ziemlich entschlossen durch.“

Wie läuft die anonyme Spurensicherung ab?

Die vertrauliche Untersuchung nach einer Vergewaltigung findet immer in den Rettungsstellen der Charité statt, da nur dort gynäkologische Untersuchungen erfolgen können. Das rechtsmedizinische Personal der Gewaltschutzambulanz kommt hinzu. Grundlage der Untersuchung ist ein achtseitiger systematischer Leitfaden für die Spurensicherung. Folgende Punkte werden abgearbeitet:

  • Rahmendaten: Wer wird untersucht? Wer führt die Untersuchung durch? Sind Sprachmittler anwesend? Wo und wann findet die Untersuchung statt?
  • Anamnese: Was kann die betroffene Person über den Ablauf der Tat erzählen? Woran erinnert sie sich, woran nicht? Welche Angaben kann sie über den Angreifenden machen? Wie groß und schwer war diese Person?
  • Körperliche Untersuchung: Welche Verletzungen gibt es? Wo liegen die Verletzungen? Untersucht wird der gesamte Körper. Die Rechtsmedizin sichert zudem mögliche DNA-Spuren am Körper.

Anschließend versorgt die Rettungsstelle die Verletzungen und bietet eine Notfallverhütung sowie gegebenenfalls eine HIV- und Hepatitis-Prophylaxe. Sie vermittelt außerdem den Kontakt zu Frauen- und Opferberatungsstellen.

Die Untersuchung nach häuslicher Gewalt erfolgt in den Räumen der Gewaltschutzambulanz. Normalerweise dürfen Patientinnen und Patienten eine Vertrauensperson mitbringen. Das kann auch die Fachkraft einer Beratungsstelle oder die Betreuerin im Frauenhaus sein. Allerdings besteht diese Möglichkeit aus Gründen des Infektionsschutzes in Zeiten der Corona-Pandemie aktuell nicht.

 

Die Untersuchung in der Gewaltschutzambulanz läuft folgendermaßen ab:

  1. Die Patientinnen und Patienten werden an der Tür abgeholt und in den hellen, freundlichen Wartebereich geführt. Dort stehen Taschentücher und Getränke bereit.
  2. Zu Beginn jeder Untersuchung erklärt Saskia Etzold, was auf die Betroffenen zukommen wird.
  3. Dann erzählen die Betroffenen, was passiert ist. Mit behutsamen Nachfragen bringt die Rechtsmedizinerin Ablauf und wichtige Details in den Zusammenhang.
  4. Anschließend untersucht sie den Körper der Betroffenen. Diese sind dabei niemals vollständig nackt. Körperteil für Körperteil wird entblößt und auf Kratzer, Bisse oder Hämatome hin begutachtet. Saskia Etzold spricht Details zu Größe, Art und Lage der Verletzung in ein Diktiergerät. Mit einer Digitalkamera macht sie Bilder.

Wie lassen sich K.O.-Tropfen nachweisen?

Bereits vor der Untersuchung klärt Saskia Etzold ab, ob sich die Betroffenen an jeden Zeitpunkt der Tat erinnern können. Gedächtnislücken sind ein Hinweis auf K.O.-Tropfen. Die Rechtsmedizin kennt mehr als 30 unterschiedliche Substanzen, die als so genannte Vergewaltigungsdrogen in Frage kommen. Einige machen bewusstlos, andere nehmen die Kontrolle über den Körper und seine Bewegungsfähigkeit.

Liquid Ecstasy ist eine der bekanntesten Vergewaltigungsdrogen. Der Körper baut sie bereits nach wenigen Stunden vollständig ab. Andere Substanzen, darunter gängige Partydrogen wie Ketamin, lassen sich über mehrere Tage feststellen. Mit Blut- und Urinproben kann man K.O.-Tropfen nachweisen. Diese Analysen können jedoch nicht durch Privatpersonen, sondern nur nach polizeilicher Anzeige durch die Ermittlungsbehörde beauftragt werden.

Was passiert, wenn sich Betroffene an nichts erinnern können?

Mehrmals in der Woche rufen Frauen in der Gewaltschutzambulanz an, die nicht sicher sagen können, ob sie vergewaltigt wurden. Eine Antwort erhoffen sie sich von Saskia Etzold. „Diese Frauen waren oft in Clubs, Bars oder Hostels. Sie haben Alkohol getrunken oder Drogen genommen und wachen mit dem unguten Gefühl auf, dass irgendetwas passiert ist, das sie nicht wollten.“

Hier kann die Gewaltschutzambulanz nicht weiterhelfen. Eine gerichtsfeste Dokumentation ist nur mit Aussage zum Tatablauf möglich, an der die Rechtsmedizinerin die sichtbaren Verletzungen abgleicht und DNA-Spuren sichert.

Dennoch rät Saskia Etzold auch in diesen Fällen dazu, möglichst schnell eine Rettungsstelle oder die vertraute gynäkologische Praxis aufzusuchen – allein der Notfallverhütung wegen und für die Prophylaxe sexuell übertragbarer Krankheiten. „Wenn sich Betroffene bei uns melden, vermitteln wir außerdem den Kontakt zu psychosozialen Beratungsstellen.“   

Was geschieht mit der Dokumentation des Falls?

Bei einer vertraulichen Spurensicherung nach Vergewaltigung verbleiben die Dokumentation und die DNA-Spuren in der Gewaltschutzambulanz, bis sich die Betroffenen zu einer Anzeige entschließen. Dann wird das Material ausschließlich an eine ermittelnde Polizeidienststelle übergeben. Die Betroffenen müssen dafür schriftlich ihre Zustimmung geben und die Gewaltschutzambulanz von der Schweigepflicht entbinden. „Wir müssen im Zweifel lückenlos nachweisen können, wie eine DNA-Spur entnommen wurde und wie wir sie gelagert haben. Sonst ist eine Spur vor Gericht nichts mehr wert“, sagt Saskia Etzold.

In allen anderen Fällen ohne DNA-Spurensicherung können die Betroffenen selbst entscheiden, ob sie die Dokumentation zu Hause aufbewahren wollen, ob sie an eine andere nahestehende Person geschickt werden soll oder ob sie in der Gewaltschutzambulanz verbleibt. Das ist für zehn Jahre möglich. Solange hat die betroffene Person Zeit, eine Anzeige zu erstatten.

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