Rat von der Juristin: So wehren Sie sich gegen Dick-Pics & Co.

Gesa Stückmann ist Rechtsanwältin in Rostock und hat sich auf Cybermobbing spezialisiert. Ihr Projekt „Law4School“ klärt bundesweit Schülerinnen und Schüler, Lehrpersonal und Eltern über digitale Gewalt auf. Die Juristin sagt: Das Recht bietet gute Möglichkeiten der Gegenwehr – mehr, als viele Betroffene glauben.   

„Ich arbeite seit vielen Jahren im Bereich Cybermobbing und digitale Gewalt. Meine Erfahrung ist, dass digitale Gewalt in den meisten Fällen eine sexualisierte Komponente enthält: sei es das unerwünscht zugesandte Penis-Bild, sei es eine Vergewaltigungsfantasie, sei es das intime Video, das nach der Trennung weitergegeben wird. Das ist erschreckend, aber fast immer liegt hier auch ein Straftatbestand vor, den wir verfolgen lassen können: Beleidigung, Nötigung, Erpressung, manchmal Stalking. Das ist immer eine Frage des Einzelfalls. Aber ich halte das Strafrecht in Deutschland prinzipiell für ausreichend. Es unterscheidet vor allem überhaupt nicht, ob sich eine Straftat im analogen oder digitalen Bereich ereignet.

Schritt 1: Die Polizei versucht, die absendende Person zu ermitteln

Wie läuft so ein Verfahren ab? Ich lasse mir in einem Beratungsgespräch zunächst den Sachverhalt schildern und auch Screenshots zeigen, sofern es sie gibt. Dann schreibe ich eine Anzeige für die Polizei. Anschließend ermittelt die Polizei zum Sachverhalt. Sind die Ermittlungen abgeschlossen, beantrage ich Akteneinsicht. So erfahre ich, ob eine konkrete Person ermittelt wurde und wenn ja, erfahre ich auf diesem Weg ihre persönlichen Daten. Ohne anwaltliche Vertretung ist das nicht möglich.

Oft ist Ruhe, wenn Betroffene sich wehren

Meine Erfahrung zeigt, dass oft Ruhe einkehrt, wenn sich die betroffene Person juristisch wehrt, vor allem, wenn es zum Täter oder zur Täterin vorher eine persönliche Beziehung gab. Die rechnen normalerweise nicht mit konsequenter Gegenwehr und sind völlig überrascht. Aber es gibt auch Fälle, in denen ich nichts tun kann. Bei einer Mandantin, zum Beispiel, hat der Stalker Einmal-Email-Adressen verwendet. Wir haben niemals herausgefunden, wer dahintersteckt.

Ansonsten habe ich das Gefühl, dass die Polizei die Anzeigen durchaus angemessen verfolgt.  Allerdings gibt es manchmal Äußerungen von Beamten, die zeigen, dass sich in der gesellschaftlichen Wahrnehmung noch einiges ändern muss. Ich hatte einen Fall, da ist ein Pärchen beim Sex auf einer Diskotoilette gefilmt worden. Das Video wurde online verbreitet. Das Paar hat Anzeige erstattet und ist durch die Polizei gefragt worden, ob das sein musste. Klar, Sex auf der Diskotoilette ist vielleicht nicht clever, aber eben auch nicht strafbar. Damit ist eine solche Frage im Ermittlungsverfahren völlig falsch und sieht das Opfer als Täter.

Praxis-Tipp: Prüfen Sie Ihren Anspruch auf Beratungshilfe

Drei allgemeine Hinweise würde ich noch mitgeben: 

  • Erstens: Sichern Sie alle Beweise, am besten mit Screenshots.
  • Zweitens: Prüfen Sie, ob Sie Anspruch auf Beratungshilfe haben. Einen entsprechenden Antrag nimmt Ihr zuständiges Amtsgericht entgegen. Beratungshilfe umfasst das anwaltliche Erstgespräch sowie das gesamte außergerichtliche Verfahren. Der Eigenanteil beträgt dann 15 Euro. Andernfalls müssen Sie mit 500 bis 1.000 Euro anwaltlichen Kosten rechnen, die Sie sich aber im Erfolgsfall bei der ermittelten Person zurückholen können.
  • Und drittens: Sie sind auch im digitalen Raum nicht allein. Holen Sie sich Hilfe in Ihrem Umfeld. Wenn Sie in einem Forum oder im Rahmen eines Computerspiels, per Mail, über eine WhatsApp-Nachricht oder im Chat einer Dating-App belästigt werden, dürfen Sie das öffentlich machen. Ich würde Screenshots ohne Klarnamen posten. Aber wer im digitalen Raum Gewalt ausübt, kann sich nach meinem juristischen Verständnis nicht auf die Vertraulichkeit der privaten Nachricht berufen.“
Dick-Pics & Co.: *Von Ohnmacht zur Gegenwehr

Dick-Pics & Co.: Von Ohnmacht zur Gegenwehr

Beleidigt, belästigt, bedroht: Wie Frauen mit sexualisierter Gewalt im Netz umgehen und sich dagegen wehren können, zeigt das Dossier mit einem Interview der „Antiflirting“-Macherinnen.

Hilfe- und Beratungsangebote

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